Wirtschaftsgeschichte an der RWTH

 

Vergangenheit verstehen – Zukunft gestalten

50 Jahre Lehr- und Forschungsgebiet Wirtschafts-, Sozial- und Technologiegeschichte

Versuch einer Autoanalyse

Prof. Dr. Paul Thomes

Prolog

Was tun, wenn man 50 wird? Nun, man kann das Ereignis schlicht im Alltäglichen vorüberziehen lassen. Eine andere Option ist, kurz innehalten, nachdenken und resümieren. Wir haben uns für die Zweite entschieden. Ein Ergebnis ist dieser Beitrag, gedacht quasi als inspirierendes akademisches Prosit auf Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.

Es geht im Folgenden denn auch weder darum, chronologisch buchhalterisch jedwede Aktivität der vergangenen 50 Jahre aufzulisten, noch darum, sich in Jubelstimmung überschwänglich selbst zu beglückwünschen. Im Gegenteil, Alter ist kein Verdienst, sondern eine Herausforderung. Es gilt in der Tat, sich permanent neu zu erfinden nach dem Motto: Wenn alles so bleiben soll wie es ist, muss sich alles ändern. Stillstand ist bekanntlich Rückschritt. An diesen Inhalten orientiert sich die folgende Bestandsaufnahme. Dass eine Bewertung, zumal aus einer subjektiven Perspektive, naturgemäß schwerfällt, ist uns bewusst. Schließlich gehen 24 Jahre der Geschichte auf das Konto des Verfassers. Der daraus erwachsenden Verantwortung haben wir uns bewusst gestellt. So hoffen wir auf eine spannend-erhellende Lektüre. Sie beginnt mit einem tiefen Abtauchen in die Geschichte, nicht 50 Jahre, sondern fast 150 Jahre zurück, als die heutige RWTH ihre Aktivitäten in Forschung und Lehre startete.

Wirtschafts- und Sozialgeschichte vom Start weg auf dem Programm (1870-1969)

Wirtschaftshistorische Forschung und Lehre hat seit der Eröffnung 1870 einen festen Platz im Fächerkanon des ehemaligen Polytechnikums. Bereits der Lehrplan des im Oktober 1870 beginnenden Erstsemesters enthielt als Bestandteil des außerordentlichen Fachs „Nationalökonomie und gewerbliche Betriebslehre“ u.a. eine „Übersicht der geschichtlichen Entwickelung der National-Oeconomie“ inklusive einer „Übersicht und Kritik des Industriesystems“. Dozent war Dr. Heinrich Contzen, bis dahin zuständig für Staatswissenschaften an der Forstlehranstalt in Eisenach. Das Angebot begründete eine bis heute währende Kontinuität. Sie zeigt, dass sozio-ökonomische Analyse von jeher historische Erfahrungen kritisch instrumentalisiert, um systematisches Prozess- und Entscheidungswissen zu generieren.

Nicht von ungefähr hatte bereits eine Denkschrift zur Etablierung eines Polytechnikums von 1859 auf die Relevanz des Wissens über die Entwicklung von Handel und Industrie hingewiesen. Die Region Aachen galt als erstes deutsches Industrierevier, während die sich mit dem technischen Fortschritt verändernden Strukturen augenscheinlich die Verwissenschaftlichung von Wissen nicht nur in technischer, sondern auch in ökonomischer Perspektive erforderten, und zwar wechselwirksam aufeinander abgestimmt.

Konsequenterweise lehrte und forschte der erste Ordentliche Professor für Volkswirtschaft und Jurisprudenz, Richard van der Borght, seit 1892 selbstredend historisch-empirisch basiert zu einer Vielzahl wirtschaftlich relevanter regionaler wie internationaler Themen. Sein ausgeprägter Praxisbezug äußerte sich u.a. darin, dass er zuvor als Sekretär der Handelskammern in Aachen und Köln gewirkt hatte und seine Berufslaufbahn als Präsident des Kaiserlichen Statistischen Reichsamtes in Berlin beendete.

Sein bis 1914 in Aachen tätiger Nachfolger Wilhelm Kähler publizierte insbesondere zum wirtschaftlichen Stellenwert des Sparens und dessen Finanzierungsbeitrag zur Industrialisierung. Unter anderem analysierte er zum 75-jährigen Bestehen, 1909, die Geschichte des „Aachener Vereins zur Beförderung der Arbeitsamkeit.“ Dies ist deshalb von besonderer Relevanz, weil die als ganzheitlich-demokratisches Optimierungskonzept zur nachhaltigen Transformation der sich industrialisierenden Gesellschaft 1834 ins Leben gerufene Organisation maßgeblich zur Gründung und Entwicklung der RWTH beitrug. So gesehen ergänzte sie als Fallbeispiel auch Kählers Vorlesung zum Thema „Deutschlands Volkswirtschaft im 19. Jahrhundert und Deutschlands Stellung auf dem Weltmarkt“; thematisch geschuldet dem rasanten Industrialisierungsprozess im Kontext mit dem stupenden globalen Erfolg innovativer deutscher Industriegüter, und eingebettet in den zeitgenössischen empirischen Forschungsansatz der Historischen Schule der Nationalökonomie.

Der vom Deutschen Kaiserreich begonnene Erste Weltkrieg und seine in vielerlei Hinsicht fatalen Folgen machten vor dem Hintergrund der desaströsen Erfahrungen die Notwendigkeit der Intensivierung ganzheitlicher Forschungsansätze in der Wissenschaftslandschaft der ersten deutschen Demokratie, der Weimarer Republik, seit 1919 umso deutlicher.

Einer, der diesen Ansatz nonkonformistisch-querdenkend und kapitalismuskritisch, von Karl Marx beeinflusst, im wahrsten Wortsinn verkörperte, war Alfred Meusel. Die Literatur etikettiert ihn gemeinhin, auf seine späte Karriere fokussiert, als Soziologen und Historiker. Tatsächlich ging er nach dem Studium der Nationalökonomie, Soziologie und Geschichtswissenschaft sowie der Promotion bei Bernhard Harms, dem Begründer des Instituts für Weltwirtschaft in Kiel, 1922 als wissenschaftlicher Assistent nach Aachen zur Abteilung für Wirtschafts- und Kulturwissenschaften der neugegründeten Fakultät für Allgemeine Wissenschaften. Dort war mit Carl Max Maedge bereits ein früherer Doktorand von Harms als Professor tätig. Meusel habilitierte 1923 in Aachen, avancierte 1925 zum außerordentlichen und 1930 zum Ordentlichen Professor und Direktor des Instituts für Volkswirtschaftslehre; nicht zuletzt ein weiterer starker Beleg der aufgeschlossenen Liberalität der Weimarer Republik. Er arbeitete stark historisch basiert. Unter anderem las er regelmäßig zur Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen. Sein 1928 erschienener Vergleich zwischen Friedrich List und Karl Marx spiegelt diesen Ansatz ebenfalls.

Nach der Machtübertragung an die Nationalsozialisten entließ ihn die RWTH noch 1933, als Kommunist denunziert. Die Professur entfiel damit ebenfalls auf Dauer. Auch sein Mentor Harms wurde übrigens in Kiel aus allen Ämtern entfernt. Aus dem Exil in Großbritannien ging Meusel 1946 in den Ostteil Berlins. In der DDR machte er als Wissenschaftler und Parteifunktionär eine ebenso erfolgreiche wie in der Bewertung umstrittene Karriere; u.a. als Mitbegründer der Zeitschrift für Geschichtswissenschaft und als Direktor des neuen Museums für deutsche Geschichte.

Das NS-Regime überstand allein die volkswirtschaftlich orientierte Professur „Wirtschaftskunde und Unternehmenslehre“, im Übrigen als einzige Ordentliche Professur der Abteilung für nichtnaturwissenschaftliche Ergänzungsfächer in der Fakultät für Allgemeine Wissenschaften. Sie war von 1920 bis 1952 mit dem bereits erwähnten Carl Max Maedge besetzt. Im NS las er politisch konform „Privatwirtschaft und Volkswirtschaft: Zustands- und Bewegungslehre. Neue deutsche Wirtschaftsorganisation und Weltwirtschaft“; ansonsten ist (noch) wenig bekannt über ihn. Er repräsentiert quasi den angepassten politischen Gegenentwurf zu Meusel im Umgang mit totalitären Regimen. Die Professur wurde 1954 neubesetzt mit Burkhardt Röper, der später die Philosophische Fakultät mitbegründete.

Erwähnung verdient sodann Gertrud Savelsberg. In Aachen aufgewachsen, hatte sie ebenfalls in Kiel bei Harms promoviert und habilitierte 1930. Sie gilt als dritte weibliche habilitierte Mitarbeiterin der RWTH. Als Dozentin und Assistentin Maedges übernahm sie seit 1933 quasi die Inhalte von Meusel für VWL (Finanzwissenschaft, Bevölkerungs- und Sozialpolitik). Forschungsschwerpunkte waren die Entwicklung der Frauenarbeit und Lohnfragen. Sie blieb wie Maedge unbehelligt, ging 1939/40 nach Kiel zurück und setzte ihre Karriere dort in verschiedenen Positionen fort.

Als Lehrbeauftragter für Verkehrspolitik thematisierte Dipl.-Kaufm. Clemens Bruckner ein breites Themenspektrum in wirtschafts- und sozialhistorischer Perspektive. Vor dem Ersten Weltkrieg Assistent von Professor Kähler und von 1922 bis 1959 Syndikus bzw. Hauptgeschäftsführer der Stolberger und später Aachener Industrie- und Handelskammer, blieb er der TH verbunden und las bis zum Ende des NS-Regimes. 1967 legte er den bislang einzigen umfassenden wirtschaftshistorischen Interpretationsversuch des ehemaligen Aachener Regierungsbezirks als bruchstückhafte Zusammenschau seiner langjährigen historischen Forschungen vor.

Als ebenso engagierter wie aufrechter Protagonist historisch-ökonomischer und technologischer Inhalte jener Jahre gilt Dr. Ing. Heinrich Reisner. Der Bauingenieur, Wasserwirtschaftler und Publizist war seit 1927 Gründungsdirektor des Hauses der Technik am Sitz der Essener Börse. 1933 verlor er wegen seiner jüdischen Abstammung sämtliche Ämter, überlebte ein Gestapo-Arbeitslager und wurde 1946 restituiert. Im gleichen Jahr gründete die RWTH am Haus der Technik ihre erste Außenstelle und ernannte Reisner zum 1. Juni 1946, dem Neubeginn in Demokratie, zum Honorarprofessor mit dem Lehrgebiet „Geschichte und kulturelle Bedeutung der Technik“: die Geburtsstunde der Technikgeschichte an der RWTH. Der Ehrenbürger und Ehrensenator der RWTH las selbst nach seiner Pensionierung 1951 bis ins hohe Alter und kurz vor seinem Tod 1969 im Studium Generale u.a. „Die Geschichte der Technischen Hochschulen“ oder „Ausgewählte Kapitel aus der Geschichte der Technik“.

Die skizzierte Konstellation eröffnet einerseits einen beredten Blick in die wissenschaftskulturelle Netzwerkbildung. Andererseits offenbart sie die bedauerliche Ergebnisoffenheit wissenschaftlicher Prägung im Umgang mit politischen Systemen. Durchgängig sichtbar ist zudem die Verknüpfung von qualitativen und quantitativen methodischen Ansätzen unter Einbeziehung einer longitudinalen Perspektive.

Institutionalisierung im Zuge des Ausbaus und der Demokratisierung der Universitäten (1969-1995)

Die 1960er Jahre bildeten den Auftakt einer beschleunigten Expansion der universitären Bildung, wovon auch die Geistes- und Wirtschaftswissenschaften an der RWTH maßgeblich profitierten sollten.

Ein Resultat war die Gründung einer Philosophischen Fakultät 1965 gegen beträchtliche interne Widerstände, ein anderes die erste eigenständige Professur für Wirtschafts- und Sozialgeschichte, besetzt 1969. Vorausgegangen war eine Empfehlung des Wissenschaftsrates zur Vermehrung der Professuren für Wirtschafts- und Sozialgeschichte. Flankierend vertrat die Gesellschaft für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte das Fach seit 1961 interessenpolitisch öffentlichkeitswirksam. In der Folge entstanden in der Tat bundesweit eine ganze Reihe neuer wirtschafts- und sozialhistorischer Professuren. Der sich mit der Normalisierung des Wirtschaftswunders und dem kritischen Hinterfragen nationalsozialistisch geprägter gesellschaftlicher Strukturen und Positionen durch die später so bezeichneten 68er offenbarende Handlungsbedarf rechtfertigte diese Strategie ebenso wie die bis dato sträflich vernachlässigte Forschung.

Bedauerlich nur, dass in Aachen dazu eine erst 1967 installierte Ordentliche Professur für europäische Geschichte im Gefolge der Emeritierung des Inhabers Albert Mirgeler 1969 umgewidmet wurde. Mirgeler hatte seit dem 1.6.1946 deutsche und französische Geschichte sowie Geschichtsphilosophie gelehrt. U.a. bot er eine Veranstaltung „Die Weltzeitalter und die technische Gegenwart“ an. 1953 habilitierte er in Politischer Soziologie und publizierte u.a. 1954 eine angesichts der Europäisierungsbestrebungen vielfach nachgefragte Geschichte Europas, die binnen zehn Jahren neun Auflagen erlebte. Mirgeler arbeitete als Emeritus im Übrigen in den Räumlichkeiten 1970 noch eine Zeit lang weiter.

1969 gilt zweifelsohne als ein Jahr der Unruhe und des Aufbruchs. Die Menschheit schrieb mit dem Erstflug der Concorde, der Mondlandung, dem Beginn des Internets, aber auch mit dem legendären Woodstock Festival in ganz unterschiedlichen Bereichen gewissermaßen revolutionäre Geschichte. „Wir wollen mehr Demokratie wagen“ postulierte der eben gewählte Bundeskanzler Willy Brandt in seiner Regierungserklärung vor dem Bundestag am 28.10.1969 dazu passend, während es in den Universitäten seit einiger Zeit endlich aufmüpfig brodelte unter dem 1967 erstmals auf einem Transparent gezeigten Motto „Unter den Talaren – Muff von 1000 Jahren“; auch in Aachen, wie die Fakultätsratsprotokolle 1968/69 plastisch-drastisch dokumentieren. Dieser Kontext mag zur Umwidmung beigetragen haben. Das Berufungsverfahren der Professur verzögerte er insofern, als zumindest eine Fakultätsratssitzung wegen eines Boykotts Studierender und Mitarbeiter, die um ein „Audienzrecht“ kämpften, ausfiel.

Harald Winkel als erster Ordentlicher Professor

Inmitten dieser angespannten Dynamik und im einhundertsten Jahr des Bestehens der RWTH nahm Harald Winkel, Privatdozent an der Universität Mainz, zum WS 1969/70 den Ruf an die Philosophische Fakultät der RWTH auf den neugeschaffenen Lehrstuhl Wirtschafts- und Sozialgeschichte an. Es war das fünfte wirtschaftswissenschaftliche Ordinariat.

Er hatte in Mainz Wirtschaftswissenschaften studiert, dort mit einer Arbeit über das Verhältnis von Theorie und Geschichte bei dem bekannten Volkswirt Carl Brinkmann zum Dr. rer. pol. 1960 promoviert und sich mit einer Schrift über die Ablösungskapitalien der Bauernbefreiung 1967 habilitiert. Zudem hatte er mehrere Aufsätze zum Thema Planungsrechnung publiziert. Er hatte sich gegen vier Mitbewerber durchgesetzt. Es ist vielleicht nicht uninteressant zu wissen, dass Professuren auch seinerzeit noch nicht öffentlich ausgeschrieben wurden, sondern die Akquise über persönliche Netzwerke erfolgte, wie oben bereits gezeigt.

In Aachen wandte sich Winkel bezeichnenderweise und mutig der drängenden zeithistorischen Analyse der deutschen Nachkriegswirtschaft zu, deren Kind er ja zudem war; ein aus wissenschaftlicher Perspektive schwieriges Unterfangen, vor dem er als Volkswirt freilich nicht zurückscheute. Als Ergebnis publizierte er 1974 die in ihrer Analyse die Gegenwart integrierende Monographie „Die Wirtschaft im geteilten Deutschland, 1945-1970“; sie schaffte es zum Standardwerk. Dazu passend interessierte ihn die Interpretation jüngerer volkswirtschaftlicher Trends ebenso wie die historische Aufarbeitung der Volkswirtschaftslehre des 19. Jahrhunderts. Im Rahmen eines DFG Programmes war er zudem an der Aufarbeitung der Industrialisierungsgeschichte beteiligt. Nicht zuletzt arbeitete er verschiedentlich mit dem 1970 ebenfalls aus Mainz nach Aachen berufenen Volkswirt Karl Georg Zinn zusammen, der sich als bekennender Keynesianer den Forschungsfeldern Außenwirtschaft und Geschichte der politischen Ökonomie widmete, die ja auch ein Feld Winkels war. Angesichts dieser Interessenlage wundert es nicht, dass sich Winkel, der am 15.10.1969 vom Dekan in der ersten Fakultätsratssitzung herzlich begrüßt wurde, umgehend der Fachabteilung Wirtschaftswissenschaften anschloss.

Die ersten Jahre standen im Zeichen des Aufbaus von Strukturen. Es galt zunächst, die im linken Seitenflügel des Hauptgebäudes in den Räumen 213-215 angesiedelte neue Professur räumlich und sachlich auszustatten. Dazu zählte der Umbau der Räume, verbunden mit einem zwischenzeitlichen Umzug in den „Goldenen Ochsen“ auf dem Templergraben 83; er sollte später erneut für einige Jahre zum Sitz der Professur werden. Durch Einzug einer Zwischendecke vergrößerte sich die nutzbare Fläche beträchtlich und schuf auch den benötigten Raum für eine Fachbibliothek, die zunächst vorwiegend aus Antiquariatsbeständen zusammengekauft wurde. Den Lesesaal nutzte noch längere Zeit Ulrich Brösse, damals Privatdozent für VWL und später Professor der Fakultät, wie sich Dr. Immo Zapp, 1990 erinnerte. Zapp war seit Dezember 1969 als frisch in Mainz examinierter Diplomhandelslehrer der erste Mitarbeiter Winkels. Er promovierte 1974 mit einer Arbeit zu „Programmatik und praktische Arbeit der Deutschen Volkspartei (DVP) im Rahmen der Wirtschafts- und Sozialpolitik der Weimarer Republik“. Er blieb der Professur als Akademischer Oberrat und Kontinuum bis 2000 erhalten. In ähnlicher Funktion wirkte Hanny Bruders seit 1972 bis zum 15.2.2002 in Sekretariatsgeschäften.

Die Studierenden rekrutierten sich zunächst in überschaubarer Zahl aus Interessierten der Bereiche Geschichte, und Studierenden des 1963/64 gestarteten wirtschaftswissenschaftlichen Aufbaustudiengangs, der mit dem Diplomwirtschaftsingenieur abschloss. Die Anfang der 1970er Jahre rasant anwachsende Zahl Lehramtsstudierender machte sich für die Lehrnachfrage insofern sehr positiv bemerkbar, als zusätzlich Mittlere und Neuere Geschichte durch Wirtschafts- und Sozialgeschichte als weiteres Wahlpflichtfach ersetzt werden konnten.

Thematisch deckte die Lehre ein breites Themenspektrum zwischen Antike und Gegenwart inklusive der Wirtschaftstheorie in nationaler wie internationaler Perspektive ab.

Im April 1977 folgte Harald Winkel, obwohl er sich in Aachen sehr wohlfühlte, einem Ruf der Universität Stuttgart-Hohenheim auf den Lehrstuhl für Wirtschafts- und Sozialgeschichte mit Agrargeschichte. Gleichzeitig übernahm er den in Stuttgart ansässigen Scripta Mercaturae Verlag. In Hohenheim lehrte und forschte er bis zu seiner Emeritierung 1993. In Aachen verwaltete Immo Zapp die Professur während der darauffolgenden Vakanz.

Francesca Schinzinger als erste Ordinaria der Philosophischen Fakultät

Seine Nachfolge in Aachen trat nach knapp zweijähriger Übergangszeit zum 30.1.1979 Francesca Schinzinger, als Ordentliche Professorin, an. Sie war damit auch die erste Professorin der Philosophischen Fakultät überhaupt. Sie hatte Geschichte, Philosophie und Wirtschaftswissenschaften studiert und im gleichen Jahr wie Harald Winkel, 1960, in Mainz zum Dr. rer. pol. promoviert. Das gerade heute höchst relevante Thema lautete: „Die Auswirkungen der Arbeitszeitverkürzung auf die Erwerbstätigkeit der Frau“. Mit Winkel zusammen publizierte sie auch 1962 die Schrift „Der Volkswirt. Berufswahl und Studienbeginn.“ Ein Jahr später als er, 1968, habilitierte sie ebenfalls in Mainz mit einer Untersuchung zur „Mezzogiorno-Politik. Möglichkeiten und Grenzen der Agrar- und Infrastrukturpolitik“. Weitere Parallelen mit Winkel und auch Zinn ergaben sich aus ihrem Interesse an der Thematik der ökonomischen Theoriebildung. Es fand Niederschlag in einem 1977 publizierten Überblick zu den Ansätzen ökonomischen Denkens von der Antike bis zur Reformationszeit. So gesehen war ihre Berufung auf Kontinuität ausgelegt und netzwerkgesteuert.

In Aachen erweiterte Schinzinger ihr Forschungsspektrum auf die Kolonialgeschichte, das Unternehmertum und wirtschaftliche Aspekte der europäischen Integration. Nicht von ungefähr thematisierten die beiden ersten der 1985 als Ergebnis von Symposien erschienenen Bände einer neuen Publikationsreihe Aachener Gespräche zur Wirtschafts- und Sozialgeschichte, hg. von Schinzinger und Zapp, „Die Stahlkrise der Europäischen Gemeinschaft“ und die „Agrarpolitik in Europa“. Ein Jahr zuvor war eine Monographie zur Kolonialpolitik im Kaiserreich erschienen. 1994 gab sie zusammen mit ihrem Aachener Historikerkollegen Klaus Schwabe den Band „Deutschland und Westeuropa“ heraus.

Darüber hinaus nahm sie erstmals auch die regionale Wirtschafts- und Sozialgeschichte in den Blick. Der 1987 erschienene Band 3 der Schriftenreihe thematisierte „Prägende Wirtschaftsfaktoren in der Euregio-Maas Rhein. Historische und aktuelle Bezüge“. Hier hat auch die Kooperation mit der IHK Aachen ihren Ursprung. Aus ihr ging des weiteren u.a. ein Symposium zum Thema Unternehmerinnen im Jahr 1988 hervor. In der Regionalforschung tat sich insbesondere Immo Zapp mit einer Reihe einschlägiger Publikationen hervor.

Der sich abzeichnende Zerfall der Sowjetunion und des Ostblocks führte 1988 und 1989 zu zwei Symposien in Kooperation mit dem Fakultätskollegen Hans Hirsch. In den frühen 1980er Jahren hatte Schinzinger mit Jürgen Kuczynski zweimal einen der führenden Wirtschaftshistoriker der DDR in Aachen zu Gast, woraus sich ein reger Gedankenaustausch entwickelte.

Interdisziplinäre Ansätze und die explizite Verknüpfung aktueller und historischer Fragestellungen prägten das Konzept wie bei Harald Winkel. Das wird deutlich auch an der letzten, posthum 1996 erschienenen Publikation in der Reihe Deutsche Führungsschichten der Neuzeit zum Thema „Unternehmer und technischer Fortschritt“, als Kompendium der Büdinger Forschungen zur Sozialgeschichte 1994 und 1995. Der Sammelband repräsentiert mit seinen 17 Beiträgen nicht zuletzt einen beeindruckenden Beleg ihrer Vernetzung in der Wissenschaftslandschaft.

In der Lehre führte Francesca Schinzinger mit Immo Zapp ebenfalls Winkels breiten Kanon fort. Dabei profitierte das Fach dadurch, dass Wirtschafts-und Sozialgeschichte seit 1979 als Haupt- und Nebenfach im neu eingeführten Magisterstudium und im Magisterzusatzstudium Europastudien wählbar war. Seit 1981 mit der Einführung des Diplomstudiengang BWL war das Fach zudem als Wahlbereich im Umfang von 14 SWS institutionalisierter und aufgrund seines spezifischen methodisch-thematischen Konzepts attraktiver Bestandteil des Diplomstudiums.

Mitte der 1980er Jahre trat die stark interdisziplinäre Ausrichtung auch in der Lehre deutlicher denn je hervor. Das Fach fand sich in Studiengängen unterschiedlicher Fakultäten:

im Studiengang Diplom-Kaufmann,
im Lehramtsstudienfach SII Wirtschaftswissenschaften,
als Haupt- und Nebenfach (seit 1986 nach der Trennung der Fakultäten nur noch als Nebenfach) im Magisterstudiengang der Philosophischen Fakultät
im Magisterstudiengang Geschichte
im Zusatzstudiengang Europastudien sowie
als Nebenfach im Bereich der Technikgeschichte der Fakultät für Elektrotechnik.

In diesen Zeitraum fiel die unter Organisationsaspekten wichtige, nicht ganz friktionslos vollzogene Loslösung der Wirtschaftswissenschaftlichen Abteilung von der Philosophischen Fakultät. Sie firmierte seit Anfang 1986 als eigenständige Fakultät Wirtschaftswissenschaften mit 13 Professuren, darunter die Wirtschafts- und Sozialgeschichte. Über die Zuordnung hatte es keine Diskussion gegeben angesichts der Ausrichtung. Francesca Schinzinger behielt freilich einen Zweitsitz in der Philosophischen Fakultät.

Was die Positionierung historischer Forschungsansätze an der RWTH angeht, hatte sich Ende der 1980er Jahre eine sehr spezifische organisatorische Doppelstruktur herausgebildet mit den traditionell zugeschnittenen historischen Professuren in der Philosophischen Fakultät sowie den dann gemeinhin sogenannten Kranzhistorien. Der hohen Bedeutung historisch basierter Forschung trug die Etablierung zweier weiterer Professuren Rechnung: der Lehrstuhl für Technikgeschichte, seit 1987 in Person von Walter Kaiser, angesiedelt in der Fakultät für Elektrotechnik, und der Lehrstuhl Geschichte der Medizin und des Krankenhauswesens, seit 1981 in Person von Axel Hinrich Murken an der Medizinischen Fakultät. Sie bildeten zusammen mit den bereits seit langem bestehenden Professuren für Bau- und Kunstgeschichte sowie der Wirtschafts- und Sozialgeschichte quasi fünf dezentrale Satelliten.

So gut es einerseits sein mag, dass diese Langzeitanalysekonzepte in den Fakultäten direkt implementiert sind und auf diese Weise Akzeptanz und Breitenwirkung entfachen, so unbefriedigend ist das aller wissenschaftlicher Gemeinsamkeiten zum Trotz doch irgendwie immanente Außenseiter- bzw. Einzelkämpferdasein. Insbesondere wenn es darum geht, innerhalb der Fakultäten Prioritäten zu setzen.

Francesca Schinzinger bekam dies erstmals zu Beginn der 1990er Jahre zu spüren, als es auf Initiative des Rektorats darum ging, auch juristische Inhalte professoral an der Fakultät zu etablieren. Den durch ihre anstehende Emeritierung sich ergebenden Argumentationsdruck lassen die Fakultätsratsprotokolle erahnen. Am Ende verlor das Fach insofern, als die Nachfolge Schinzingers in Form einer neu zugewiesenen C3 Professur mit reduzierter Ausstattung fortgeführt werden sollte, während die zu etablierende Rechtsprofessur im Tausch als C4 ausgeschrieben wurde mit dem Argument, sie ließe sich mit C3 Wertigkeit nicht besetzen. Oder anders, Angebot und Nachfrage regeln den Preis.

Francesca Schinzinger begleitete 1995 noch die Einleitung der Wiederbesetzung. Sie basierte auf zwei Vorsingrunden im Juli und Oktober mit zehn Kandidatinnen und Kandidaten, da die Frauenbeauftragte der RWTH ob Schinzingers Alleinstellungsposition als Frau auf eine weibliche Nachfolge pochte. Die zum Wintersemester 1996/97 geplante Neubesetzung ihrer Professur erlebte sie dann allerdings nicht mehr, da sie plötzlich und unerwartet am 8.11.1995 verstarb. In der zum 125-jährigen Jubiläum der RWTH publizierten Rückschau für die Jahre 1970 bis 1995 hatte sie noch den Artikel über die Fakultät für Wirtschaftswissenschaften verfasst, wohl ihr letztes Werk. Im Titel der 100-Jahre-Publikation „Wissenschaft zwischen technischer und gesellschaftlicher Herausforderung“ spiegelt sich ihr Anspruch und ihr Wirken zutreffend. Zufall? Nein.

Der frühere Kölner Kollege Friedrich Wilhelm Henning widmete ihr zur 70. Wiederkehr ihres Geburtstages einen Aufsatz, der ursprünglich als Abschiedsvortrag zu ihrer Emeritierung 1996 gedacht war unter dem Titel „Controlling in History. Zum Gedächtnis für Francesca Schinzinger, zur 70. Wiederkehr ihres Geburtstages am 16. Juni 2001“, publiziert in der Vierteljahrschrift für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte 2001.

Dynamisierung zwischen Ökonomisierung und Digitalisierung (1995-2019)

Als Listenerster des aufwändigen Berufungsverfahrens erhielt Dr. phil. Paul Thomes, Privatdozent an der Universität des Saarlandes in Saarbrücken, die Anfrage für eine Vertretung der vakant gewordenen Professur im gerade angelaufenen WS und nahm das Angebot zum 1.12.1995 an. Die inhaltliche und methodische Botschaft des Berufungsvortrages, gehalten am 8.7.1995, einem Samstagmorgen in einem gut gefüllten Hörsaal auf der Hörn, zum Thema „Der Mensch als Ware. Zur Ökonomie des transatlantischen Sklavenhandels“ hatte offensichtlich überzeugt. Wissenschaftlich gearbeitet hatte Thomes bis dahin zum preußischen Sparkassenwesen und zur regionalen Industrialisierung sowie zur frühneuzeitlichen Kommunalwirtschaft. Die Dissertation bettete als eine der ersten systematischen Untersuchungen dieser Art ein Fallbeispiel in den gesamtwirtschaftlichen und gesetzgeberischen Kontext der preußischen Rheinprovinz ein.

Die 1991 eingereichte Habilitationsschrift thematisierte in Form einer rund drei Jahrhunderte umspannenden Langzeituntersuchung die Entwicklung kommunaler Haushalte in der Frühen Neuzeit am Beispiel zweier benachbarter Städte mit divergierenden politischen und wirtschaftlichen Funktionen sowie konkurrierenden Interessenlagen. Die quantitative Grundlage der Arbeit bildete eine aus den Primärquellen erstellte Datenbank mit rund 20.000 Datensätzen, die eine quantitative Auswertung samt der Schärfung der qualitativen Informationen ermöglichte.

Seinen wissenschaftlichen Ansatz prägten mehrere Kollegen, zunächst sein Doktorvater Prof. Ernst Klein, dann Prof. Toni Pierenkemper, der seine Habilitation kritisch fördernd begleitete sowie Prof. Wilfried Feldenkirchen und Prof. Christoph Buchheim, die beide ebenfalls eine Zeit lang den Lehrstuhl in Saarbrücken vertraten bzw. innehatten.

Der Verfasser erinnert sich noch genau an den Tag Anfang Dezember 1995, an dem er zwischen Bedrückung wegen der tragischen Umstände und der Freude über die neue Aufgabe nach einigem Suchen das im RWTH Hauptgebäude etwas versteckte Institut betrat – und überaus freundlich wie vorbehaltslos empfangen wurde. Bedauerlicherweise hatte er seine Vorgängerin nie persönlich kennengelernt. Gespräche und die Institutsatmosphäre brachten sie ihm zumindest posthum näher.

Davon abgesehen war alles neu: der klassische Sprung ins kalte Wasser. Zum Nachdenken blieb zunächst wenig Zeit. Machen hieß die Devise. Übrigens begannen die Veranstaltungen an der RWTH s.t., also ohne akademisches Viertel, was dazu führte, dass der Neue zur ersten Vorlesung zehn Minuten zu spät antrat, erfreut darüber, dass der Hörsaal schon so gut besetzt war und keine Nachzügler die Aufmerksamkeit störten. Die RWTH tickte eben anders – und vielversprechend, wie sich bald zeigen sollte. Kontakte ergaben sich rasch innerhalb und außerhalb der Fakultät und der Hochschule. Dazu zählte insbesondere der beeindruckende „Antrittsbesuch“ des damaligen Hauptgeschäftsführers der IHK, Otto Eschweiler. Er bildete den Auftakt einer engen Kooperation und bestärkte den Verfasser in seinem Verständnisansatz einer explizit anwendungsorientierten, vorwärts gewandten interdisziplinären Forschung und Lehre – bis heute keine Selbstverständlichkeit im Historikerkosmos.

Als dann Mitte 1996 der Ruf auf die Professur des Lehr- und Forschungsgebietes Wirtschafts- und Sozialgeschichte erging, nahm ihn Paul Thomes zum 1.10.1996 überzeugt an. Dass daraus eine fast 25-jährige Dauerliaison wurde, ließ sich seinerzeit nicht erahnen, wohl aber, dass die interdisziplinäre Konstellation im Viereck von Wirtschafts-, Ingenieurs-, Natur- und Geisteswissenschaften beträchtliche kreative Potenziale in Lehre und Forschung bot.

Orte und Räume

In organisatorischer Hinsicht lief alles friktionslos, insbesondere gestützt auf die vernetzten Konstanten Immo Zapp und Hanny Bruders, unterstützt von den beiden Assistenten Kerstin Burmeister und Bernd Nagel. Im November 1996 verstärkte Christoph Rass, aus Saarbrücken kommend, das Team. Frisch examiniert, bestand eine seiner ersten Aufgaben darin, das Institut mittels eigenhändig gelegter Leitung mit dem Internet zu verbinden. Dennoch gab es räumlich alsbald einen Neuanfang. Zum WS 1997 verließ die Professur ihr verstecktes und beengtes Domizil im Hauptgebäude. Fortan füllte sie im ehemaligen Goldenen Ochsen, dem Haus mit der Sonnenuhr an der Ecke Templergraben/Pontstraße, das umgebaute vierte und fünfte Obergeschoss mit akademischem Leben; immerhin nun mit Blickkontakt zum Sammelbau, dem Standort der Fakultät (damals: Fachbereich) 8; eine andere Art von Zentralität, mitten im studentischen Leben und vor allem auch sichtbar.

Der nächste und letzte Umzug erfolgte 2012. Als sich in der Kackertstr. 7 für die expandierende Fakultät neue Möglichkeiten eröffneten, ergriff das Institut die Gelegenheit, zwei Fliegen mit einer Klappe schlagend: das lang vermisste Zusammenrücken mit Kolleginnen und Kollegen sowie die Optimierung des eigenen wachsenden Raumbedarfs. Eine intensive Projektakquise ließ die Beschäftigtenzahl auf bis zu 20 Personen in den Jahren 2015 bis 2018 wachsen; dies bei etwa zehn Vollzeitäquivalenten, wobei die Personalbasis 1,5 reguläre Haushaltstellen (davon 0,5 persönlich zugeordnet wegen der intensiven Dienstleistungsaktivitäten) und seit 2012 eine Stelle für die Technologiegeschichte aus zentralen Mitteln bildeten.

Richtungsweisend nutze man den Umzug auch, um die zwischenzeitlich stark angewachsene Fachbibliothek in die Bibliothek der Fakultät zu integrieren und gleichzeitig den Katalog zu digitalisieren, was u.a. die 24/7 Recherche ermöglichte.

Attraktive Lernräume, allgemeine Handbestände, spezielle Veranstaltungsapparate und die Möglichkeit der persönlichen Ansprache trugen dazu bei, dass die Studierenden den etwas abgelegenen Standort rasch annahmen; diese Optionen bieten bis heute mehr als gute Studienbedingungen. In den letzten Jahren erweiterten und flexibilisierten digitale Lernräume das Angebot entscheidend, wobei das Augenmerk des Lehrkonzepts nach wie vor auf der effizienten Vernetzung analoger und digitaler Angebote liegt.

Strukturen und Themen

Zwei signifikante externe Ereignisse erweiterten prägend die inhaltliche Ausrichtung der Professur.
Als 2012 der an der Fakultät für Elektrotechnik 1986 angesiedelte Lehrstuhl für Technikgeschichte mit der Emeritierung des Inhabers Walter Kaiser umgewidmet wurde, der Forschungsansatz aber weitergeführt werden sollte, kam es unter Beteiligung des Rektorats zu einer fakultätsübergreifenden konservierenden Lösung. Da sich eine Professur finanziell nicht realisieren ließ, erfolgte die Andockung des für das Selbstverständnis der RWTH wichtigen Forschungs- und Lehransatzes mit Hilfe von zentralen Mitteln an das LFG Wirtschafts- und Sozialgeschichte. Das bedeutete einen Kompromiss, aber die Alternative wäre die Streichung gewesen. Fortan firmierte die Professur als Wirtschafts-, Sozial- und Technologiegeschichte. Konstruiert oder fremd war die Ergänzung ohnehin nicht. Sie drängte sich inhaltlich aufgrund der existierenden engen Interdependenzen in Lehre und Forschung vielmehr geradezu auf. So veranstalteten die beiden Kollegen Kaiser und Thomes seit 2001 jährlich ein interdisziplinäres Blockseminar im Söllerhaus im Kleinwalsertal. Es kombinierte Interdisziplinarität mit ungezwungener Kreativität zu einmaligen Lernerlebnissen. Beide Kollegen waren übrigens langjährige Mitglieder des Forums Technik und Gesellschaft.

Davon abgesehen kam mit der Erweiterung eine Reihe neuer Studiengänge in der Lehre hinzu. Die Dienstleistungsverflechtungen der Professur erreichten ein neues Niveau an Inhalten, Aufgaben und Verantwortung. Diese Aussage gilt bis zum heutigen Tag. Das aktuelle Modul des RWTH Projekts Leonardo „Mobilitätsperspektiven“, seit 2011 regelmäßig im Lehrangebot, thematisiert bspw. das brennende Thema Antriebskonzepte und Mobilitätsbedürfnisse in einer interdisziplinären multikriteriellen Langfristperspektive.

An wissenschaftlichen Resultaten sind u.a. zu nennen der Sammelband Technological Innovation in Retail Finance aus 2011 und mehrere zum Teil Exzellenz- bzw. DFG geförderte Forschungsprojekte zu den Themen Energieerzeugung, Elektrizitätsversorgung, Pfadabhängigkeiten, Mechanismen der Technikdiffusion, Mobilität oder Technikfolgenabschätzung.

Der zweite Impuls ergab sich aus der fakultätsinternen Bildung von Research Areas im Zuge der Exzellenzinitiative und der Etablierung einer „Interdisciplinary Management Factory“. Die Research Area EME Energie, Mobilität, Umwelt schuf vielfältige synergetische Impulse der involvierten Professuren. Überdies formulierte sie innovativ ein bis dato nicht bearbeitetes Forschungsfeld „Ultralanglebige Investitionen“ als Leitthema. Die historische Bedingtheit der Reziprozität von Technik, Wirtschaft und Gesellschaft verknüpfte sich auf diese Weise zielführend mit dem Aspekt der Nachhaltigkeit.

Letztlich bildete die Professur drei zentrale Themenschwerpunkte aus: Finanzdienstleistungen, Versorgungsinfrastrukturen und Mobilität. Sie kombinieren sich übergreifend mit den Themen Nachhaltigkeit und Unternehmertum. Ein Schwerpunkt Wissensmanagement, etabliert von Tobias Dewes, ergänzt seit über drei Jahren das Paket. Die Ansätze integrieren sowohl globale als auch regionale Perspektiven.

Durch die gesamte Zeit hindurch zieht sich zudem die Befassung mit dem Nationalsozialismus. Daraus resultieren u.a. Projekte zur Aufarbeitung der Zwangsarbeit in Stadt und Kreis Aachen sowie ein richtungsweisendes DFG Forschungsprojekt zur digitalen Erfassung von Wehrmachtsangehörigen, geleitet von Christoph Rass. Aus letzterem gingen neben einer relationalen Datenbank zwei Dissertationen und als studentisches Projekt die Dokumentation eines Kriegsverbrechens in Weißrussland hervor. Letzteres wurde im Rahmen einer denkwürdigen Exkursion auch vor Ort in Weißrussland recherchiert und filmisch verarbeitet. Der Film erlebte eine beklemmend machende Premiere vor mehreren hundert Besuchern im Kármán Auditorium. Eine Dissertation zu ökonomischen und rechtlichen Aspekten der Arisierung am Beispiel des Aachener Zweigs der Familie Anne Franks, erarbeitet von Lena Knops, steht kurz vor dem Abschluss.

Noch präsenter zieht sich als roter Faden die Aufarbeitung der immer noch nur erst rudimentär erforschten regionalen Wirtschaft der letzten drei Jahrhunderte durch die Institutsaktivitäten. Die Bandbreite reicht von systematischen Unternehmens- und Institutionenanalysen wie Sparkassen, Stadtwerke, Industrie- und Handelskammer, Handwerkskammer und Hochschule, über Branchenstudien der regionalen IT- und Finanzdienstleistungs-, Tuch- und Nadelindustrie bis hin zum sozioökonomischen Strukturwandel im Zuge von Industrialisierung, Deindustrialisierung und Digitalisierung. Aktuell laufen Untersuchungen zur Industrialisierung Aachens im 19. Jahrhundert und zur Geschichte der RWTH, die 2020, seit 150 Jahren im Dienst von Forschung und Lehre unterwegs ist.

Eine 2016 zum 30-jährigen Jubiläum der Fakultät für Wirtschaftswissenschaften recherchierte Analyse, zeichnet sich dadurch aus, dass sie die Geschichte von der Gegenwart aus erschließt.

Eine monographische Arbeit von Robert Peters zur Aachener Nadelgeschichte erscheint im Frühjahr 2020.

Den allgemeinen Zugriff repräsentieren diverse, thematisch breit gestreute Langfristanalysen, etwa zum Thema Mobilität, im Handbuch der Elektromobilität, 2018 in zweiter Auflage erschienen. Bereits 2011 resümierte ein interdisziplinärer Ansatz technologische Innovationen im Privatkundengeschäft. In das Jahr 2016 datiert eine ebenfalls interdisziplinäre Veröffentlichung zum Thema Mikrofinanz. Sie versucht unter Einbeziehung der historischen Perspektive eine nachhaltige Neudefinition des Mikrofinanzansatzes und steht davor, ins Chinesische übersetzt zu werden. Im Druck ist eine Überblicksskizze zu den Industrialisierungsphasen als Beitrag zu einem Handbuch der intensiv diskutierten Industrie 4.0 Thematik. Weitere Felder sind Pfadabhängigkeiten und Technikfolgenabschätzung im Kontext von Erfahrungen und Erwarten, ökonomische Modellbildung und die Bewertung bzw. Modellierung historischer Veränderungsprozesse sowie eine historisch basierte Untersuchung des Mietwagen- und Taxigeschäfts.

Lehren und Lernen

Die Lehre stellte aufgrund der disparaten Wissens- und Interessenlage des Hörerkreises von Beginn an besondere Ansprüche. Inhaltlich geht es im Kern bis heute letztlich darum, auf möglichst hohem Niveau historische Schlüsselsituationen und -phänomene zu analysieren, sie womöglich um einen praktischen Bezug zu ergänzen und auf diese Weise systematisches Fakten- und Orientierungswissen im Sinne nachhaltigen Entscheidens und Handelns zu schaffen.

Das dahinterstehende Konzept lautet komprimiert: Geschichte als Dialog der Gegenwart mit der Vergangenheit über die Zukunft. Gepaart mit studentische Eigeninitiative explizit fördernden Formaten, wie obligatorische Teamarbeit, entstand so ein attraktives Lehrprogramm. Lehre steht selbstredend absolut gleichberechtigt neben der Forschung. Die Philosophie des Instituts ist explizit dienstleistungsorientiert.

Die Attraktivität und Relevanz dokumentiert eine ständig hohe studentische Nachfrage. So waren 2005, als das Magisterstudium im Ergebnis des Bologna-Prozesses auslief, mehr als 300 Studierende allein im Nebenfach Wirtschafts- und Sozialgeschichte eingeschrieben; über 95 % von ihnen beendeten das Studium. Die Pflicht- und Wahlpflichtangebote des Fachs in den Diplomstudiengängen der Bereiche BWL und Wirtschaftsingenieurswesen sowie in den diversen Lehramtsstudiengängen waren bis dahin ebenfalls permanent überbucht; sie wurden zeitweise parallel angeboten, um Kleingruppenarbeit und aktive Beteiligung zu gewährleisten. Teamarbeit im Verbund mit Präsentationen als Zwischenstufe des Lernprozesses, an dessen Ende eine schriftliche Ausarbeitung steht, bilden bis heute ein Schlüsselelement des hermeneutisch-empirischen didaktischen Konzepts von Kleingruppenveranstaltungen.

Die Umstellung auf Bachelor- und Masterstudiengänge im Zuge des Bologna-Prozesses brachte als wichtige Änderung das Bachelorfach Volkswirtschaftslehre und Wirtschaftsgeschichte als Dienstleistungsangebot für die Philosophische Fakultät. Der Erfolg sprach für sich. Umso bedauerlicher stellte die Fakultät 7 das Fach 2012/13 im Zuge einer großen Revision der Studiengangstrukturen ein. Damit ging eine mehr als 40 Jahre währende Ära zu Ende. Allerdings blieb das Fach Wirtschafts- und Sozialgeschichte im Wahlpflichtbereich der drei neuen Ein-Fach-Studiengänge Gesellschaftswissenschaften, Literatur- und Sprachwissenschaften sowie Sprach- und Kommunikationswissenschaften als Wahlpflichtfach vertreten.

Aktuell zeigt sich die fakultätsübergreifende Vernetzung und Relevanz mit Angeboten in zahlreichen Bachelor- bzw. Masterstudiengängen über alle Fakultäten hinweg. Dienstleistungen erbringt das Fach für folgende Studiengänge:
Angewandte Geographie, BWL, Digitale Medienkommunikation, Geschichte, Gesellschaftswissenschaften, Ingenieurswesen, Informatik, Literatur- und Sprachwissenschaften, Mathematik, Nachhaltige Energieversorgung, Politikwissenschaft, Sprach- und Kommunikationswissenschaften, Technikkommunikation, Wirtschaftsgeographie, Wirtschaftsingenieurwesen und Wirtschaftswissenschaften. Hinzu kommt ein kontinuierliches Angebot im interdisziplinären RWTH Projekt Leonardo zum Thema Mobilitätsperspektiven seit 2011. Das Konzept setzt mit großem Erfolg auf den Dialog zwischen Fachleuten, und zwar aus Wissenschaft und Praxis und Studierenden. Absoluter Höhepunkt war ein Vortrag des ersten Deutschen im All, Sigmund Jähn, in der vollbesetzten Couvenhalle im Januar 2013. Jähn blieb dem Institut bis zu seinem Tod im September 2019 freundschaftlich verbunden.

Thematisch zeigt sich das Angebot signifikanter auf die Inhalte der Studiengänge hin strukturiert. Die Veranstaltungen diskutieren in historischer Perspektive zeitrelevante Themen wie Globalisierung, Industrialisierung, transatlantische Beziehungen oder die Wirtschaftstheorie. Sie folgen einem ganzheitlichen, methodisch stringenten Erklärungskonzept, basierend auf der Integration von Wirtschaft, Gesellschaft und Technologie. Die Vorlesungen attrahieren in der Regel zwischen 200 und 300 Hörerinnen und Hörer. Ein Spezifikum in Bezug auf die Anwendungsorientierung ist die Rubrik Weltweisheit; sie adressiert und kommentiert zu Beginn einer jeden Sitzung das relevante Weltgeschehen.

Seit dem Wintersemester 2006/07 bilden PowerPoint-Präsentationen die technische Basis. Diese erleichtern eine flexible und dialogische Wissensvermittlung. Die Folien stehen den Studierenden im digitalen Lernraum zur Vor- und Nachbereitung zur Verfügung. Unabhängig vom Aufenthaltsort zu bearbeitende E-Tests erlauben die Selbstüberprüfung des Wissensstands und tragen zur kontrollierten Flexibilisierung des Lernens bei. E-Klausuren gehören seit einigen Jahren ebenfalls zum Standard und haben sich nicht zuletzt aufgrund der objektiveren Bewertungsmöglichkeiten bestens bewährt.

Ebenfalls fest verankert im didaktischen Konzept sind Besuche außeruniversitärer Lernorte. Die Pfingstexkursionswoche wird seit jeher regelmäßig genutzt, um Horizonte zu weiten. Highlights waren ohne Anspruch auf Vollständigkeit mehrere Projektseminare bzw. -module in Kooperation mit den Universitäten Liverpool und Ostrava zum Thema Industrialisierung und Transformation sowie zum Thema Mobilität im Volkswagenwerk in Wolfsburg. Gleiches gilt für die zwischen 2001 und 2015 jährlich angebotenen interdisziplinären Söllerhaus-Exkursionsseminare (im Studierendenjargon: Skiseminare) im Kleinwalsertal mit explizitem Technologiebezug. Sie lebten das Motto des kreativen Geists im fitten Körper. Last but not least sei die verantwortliche Beteiligung der Professur am Austauschprogramm der Fakultät mit der Chulalongkorn Universität in Bangkok genannt. Das vom inzwischen verstorbenen Kollegen Werner Gocht initiierte Programm bringt jedes Jahr rund 50 Studierende in beiden Städten zusammen und feierte 2019 sein 15-jähriges Bestehen.

Im regionalen Umfeld finden regelmäßig experimentelle themenspezifische Projektmodule in der inspirierenden außeruniversitären Atmosphäre des Museums für die Wirtschafts-, Sozial- und Technikgeschichte der Wirtschaftsregion Aachen, Zinkhütter Hof in Stolberg und im Energeticon in Alsdorf statt. Tagesexkursionen runden das außeruniversitäre Lehrportefeuille ab.

Die Einführungsveranstaltung Wirtschaft Aktuell I im Studiengang B. Sc. BWL wird seit Jahren von WISOTECH organisiert. Neben einer Einführung in das wirtschaftswissenschaftliche Studium und einer Demonstration der unterschiedlichen thematischen Schwerpunkte der Research Areas, fungiert die Veranstaltung auch als Plattform zum Kennenlernen der Vielfalt der digitalen Lehr- und Lernkonzepte der RWTH Aachen. Tobias Dewes erhielt für sein intensives Engagement den Lehrpreis der Studierenden 2017.

Die Attraktivität des Faches spiegelt sich nicht zuletzt in der konstant hohen Zahl betreuter Abschlussarbeiten in den Studiengängen BWL, Wirtschaftsingenieurwesen und Wirtschaftswissenschaften wider; sie beläuft sich auf durchschnittlich etwa 30 pro Jahr.

Das Interesse an studentischer Förderung dokumentiert sodann das langjährige Engagement von Paul Thomes als einem von zwei Vertrauensdozenten der Konrad-Adenauer-Stiftung an der RWTH.

Forschen und Vernetzen

Die wissenschaftliche Forschung korrespondiert wechselwirksam mit den oben skizzierten Themen. Methodisch kombiniert WISOTECH geistes-, ingenieurs- und wirtschaftswissenschaftliche Ansätze, auf deren jeweiligen Methoden es gleichermaßen zurückgreift. Qualitative und quantitative Methoden stehen gleichberechtigt nebeneinander. Nur so können die Ergebnisse im Sinne einer historisch-dynamischen Analyse sowohl zur Gegenwartsdiagnostik als auch zur Prognostik beitragen. Eigene Konzepte spiegeln sich in einem ganzheitlichen Modell zur Strukturierung von Veränderungsprozessen (SLT) und in einem Retrospective Forecast Modell, das vergangene Zukünfte systematisch analysiert, um die Wertigkeit von Entwicklungsparametern zu definieren oder Pfadabhängigkeiten zu evaluieren; für ein nachhaltiges Change Management unverzichtbar. Geschichtsschreibung ist zum anschlussfähigen History Lab geworden, in dem sich punktuelle empirische Konzepte auf ihre Prozesstauglichkeit hin überprüfen lassen.

Die Spitze der Bilanz formaler akademischer Leistung bildet eine Habilitation. Der erste ‚eigene‘ Wiss. Mitarbeiter Christoph Rass promovierte nicht nur als erster ‚eigener‘ Doktorand im Jahr 2001, sondern auch mit der Bestbewertung summa cum laude zum Dr. rer. pol. Die Arbeit analysierte unter dem Titel „Menschenmaterial“ methodisch höchst innovativ in einem Mixed Method Ansatz eine Infanteriedivision der Wehrmacht. 2007 habilitierte er sich konsequenterweise und erhielt die Venia Legendi für das Fach Wirtschafts- und Sozialgeschichte. 2011 verließ er das Institut, um die Professur für Neueste Geschichte an der Universität Osnabrück zunächst zu verwalten. 2015 erhielt er den Ruf und ist dort seither Universitätsprofessor für Neueste Geschichte und Historische Migrationsforschung. Sein über 15 Jahre hinweg höchst kreatives Schaffen prägte das Institut in vielerlei Hinsicht. Dass er anlässlich des Kolloquiums zum 50-jährigen Bestehen des Instituts im Februar 2019 den Eröffnungsvortrag zum Thema „Next Stop: Big Data?“ hielt, dokumentiert zum einen die ambitionierte methodische Ausrichtung des Fachs, zum anderen die Verbundenheit.

17 abgeschlossene Promotionen, darunter fünf Wissenschaftlerinnen, dazu neun Kandidatinnen und Kandidaten, die noch cum spe an der Promotion arbeiten, reflektieren den hohen Stellenwert innovativer Forschung am Institut. Acht internen Promotionen stehen sieben externe gegenüber; ein angemessenes Verhältnis, das einmal mehr auch die wissenschaftliche Vernetzung mit der Praxis dokumentiert. Dies korrespondiert mit der Tatsache, dass tatsächlich nur zwei ehemalige Doktoranden im universitären Bereich verblieben. Die Bestbewertung summa cum laude erreichte neben Christoph Rass noch Peter M. Quadflieg mit einer wegweisenden biographischen Arbeit über den lange als Befreier Aachens unkritisch verklärten Wehrmachtsgeneral Gerhard Graf von Schwerin.

Angesichts der aktuellen Promotions- und Bewertungsinflation mögen diese Indikatoren belächelt werden. Sei es drum. Denn sie beruhen auf einer soliden Basis aus Betreuung und Freiheit. Regelmäßige interne Doktorandenkolloquien vereint dieser Ansatz ebenso wie die Teilnahme an den strukturierten Doktorandenprogrammen der RWTH. Im gleichen Sinne fördert das Institut explizit die Teilnahme an nationalen wie internationalen Doktorandenschulen und Tagungen. Nicht zuletzt initiierte Paul Thomes zusammen mit seinem ehemaligen Kölner Kollegen Toni Pierenkemper das Doktorandenkolloquium Wirtschafts- und Sozialgeschichte NRW. Es vernetzte das Fach auf wissenschaftlicher und persönlicher Ebene synergetisch enger. Die Auftaktveranstaltung fand unter großer Beteiligung und öffentlicher Aufmerksamkeit im Jahr 2008 in Aachen an zentraler Stelle im Haus Löwenstein und ein zweites Mal im Jahr 2013 im Audimax statt.

Die hinter den Promotionen stehenden Themen sind per se oftmals mit finanziell geförderten Forschungsprojekten verknüpft. Auch hier kann sich die Bilanz sehen lassen. Allein fünf DFG Projekte weist sie auf, dazu zwei durch Exzellenzmittel geförderte Pfadfinderprojekte. Die Fördervolumina bewegten sich in den zurückliegenden Jahren vielfach im sechsstelligen Bereich. Dabei handelte es sich ganz überwiegend um hochwertige Forschungsgelder aus öffentlich-rechtlichen Programmen. Im Fakultätsranking rangierte die Professur hier stets in den Top Ten und mehr als einmal auf vorderen Rängen. Gleiches gilt für die Publikationsleistungen und auch für die Mitwirkung an Promotionsverfahren. Hier stehen 17 Zweitgutachten zu Buche, auch dies ein Indiz der thematischen Anschlussfähigkeit des Fachs.

Aus internationalen Forschungsvernetzungen resultierenu.a. Publikationen zu innovativen sozialen Sicherungsmechanismen zur nachhaltigen Gestaltung der Industrialisierung sowie zu technologischen Innovationen und ihren Effekten auf das Privatkundengeschäft der Kreditwirtschaft. Ein internationales interdisziplinäres Projekt zum Konsumentenkredit wurde 2014 und 2015 auf dem European Business History Association Congress in Uppsala und dem World Economic History Congress in Kyoto in Form von Sektionen organisiert. Zuletzt referierte Paul Thomes im August 2019 auf dem EBHA Kongress in Rotterdam zum Thema „The Business History of Creativity“ zum Thema „Enhancement and Yield. A Non-conform Inclusive Industrial Change Management Model“.

Zum wissenschaftlichen Tagesgeschäft zählt auch wie angedeutet die Organisation von Tagungen. Genannt seien exemplarisch die Jahrestagung der Gesellschaft für Sozial – und Wirtschaftsgeschichte, 2001, eine Tagung des Wirtschaftshistorischen Ausschusses des Vereins für Socialpolitik, 2009, eine Tagung in Kooperation mit der Sparkassen Wissenschaftsförderung und der Sparkasse Aachen über den Vertrieb von Sparkassen und Banken, 2011. Eine internationale Tagung im Kontext der „Euregionale 2008“ versammelte 200 Personen in Maastricht, um Themen grenzüberschreitender Relevanz interdisziplinär zwischen Vergangenheit und Zukunft zu diskutieren und Kooperationsmöglichkeiten auszuloten.

WISOTECH veranstaltete sodann drei Jahrestagungen des 2006 gegründeten Aachener Kompetenzzentrums Wissenschaftsgeschichte: 2011 unter dem Titel „Narration und Methode“ zur neueren biografischen Forschung und 2014 zum 100-jährigen Gedenken des Beginns des Weltkrieges unter dem Titel „Krieg der Ingenieure“. Die jüngste fand im Februar 2019 unter dem Motto „Vergangenheit analysieren – Zukunft gestalten. Technik-, wirtschafts- und sozialhistorische Forschung seit den 1960er Jahren“ aus Anlass des 50-jährigen Bestehens von WISOTECH im Hause der IHK statt. Die Publikation erfolgt wie gewohnt in den Aachener Studien zur Wirtschafts-, Sozial- und Technologiegeschichte. 2003 als Institutsreihe begründet, und das von Francesca Schinzinger begonnene Format wiederaufnehmend, erschienen bislang 20 Bände.

Nicht zuletzt betreibt WISOTECH eine Working Paper Series als Plattform, um wissenschaftliche Ergebnisse zeitnah der Community verfügbar zu machen.

Organisieren und Gestalten

Beide Titelbegriffe sind auch in der akademischen Selbstverwaltung ein eminent wichtiges und zumindest in der Vergangenheit selbstverständliches Anliegen. Die Lust am sich Einbringen in die akademische Selbstverwaltung zieht sich wie ein roter Faden durch die letzten 25 Jahre; angefangen bei der Mitwirkung in Prüfungsausschüssen, als Professorensprecher der Fakultät und endend in der Funktion als Studiendekan in den Jahren 2011 bis 2015. In diese Zeit fiel u.a. die Reakkreditierung der Studiengänge der Fakultät, welche ohne Auflagen erfolgte. Der Dialog zwischen Studierenden und dem Dekanat erfuhr durch eine Institutionalisierung des Austauschs auf Augenhöhe eine wesentliche Verbesserung.

Als Studiendekan stieß Paul Thomes 2012 zudem das Zentrum für Kreatives Schreiben als Start-up an. Es etablierte sich rasch als Kompetenzzentrum für Textproduktion jeglicher Art, firmiert seit 2016 dauerhaft institutionalisiert als Schreibzentrum der RWTH und ist bis heute in den Räumen des Instituts symbiotisch angesiedelt. Die RWTH Serviceeinheit Medien für die Lehre, eine Abteilung des RWTH Centers für Lehr und Lernservices entstand ebenfalls in diesen Jahren an der Fakultät, mit dem Ziel, die sich intensivierende Digitalisierung und Globalisierung in neue Lehr- und Lernformate zu gießen.

In der Rektoratskommission für Qualitätsmanagement in der Lehre und in der Steuerungsgruppe Universitätsbibliothek gestaltete und gestaltet Paul Thomes bis zum Tage wichtige hochschulrelevante Entscheidungsprozesse mit. Über lange Jahre hinweg engagierte er sich in den interdisziplinären Foren „Technik und Gesellschaft“ sowie „Mobilität und Verkehr“ als Vorstandsmitglied und stellvertretender Vorsitzender. Deren umstrittene Überführung in Profilbereiche beschnitt die kleinen Fächer im Prinzip der Möglichkeit, sich institutionalisiert interdisziplinär in die Diskussion der großen gesellschaftlichen Herausforderungen, den „global challenges“, einzubringen. Umso mehr weiß WISOTECH die Möglichkeit zur Mitarbeit über einen Gaststatus in den Profilbereichen MTE und ECPE zu schätzen. Transdisziplinäre inneruniversitäre Forschung ließ sich zudem im Projekthaus „Technikbasierte Energiesystemanalyse“ und im NRW Forschungskolleg ACCESS! realisieren; letzteres begleitet Paul Thomes bis heute als Obmann.

Auf Fakultätsebene führt Paul Thomes die Bibliotheks- und Raumkommission und ist Mitglied der Kommission für Internationales. Mit dem Faktor 7,5 steht er an der Spitze des für die Mittelverteilung 2019 relevante Ranking der Rubrik Verwaltungsengagement.

Für den Förderverein Wirtschaftswissenschaften – Aachener Wirtschaftsgespräche der Fakultät, der die Außenwahrnehmung und die Alumniarbeit wahrnimmt, organisierte und koordinierte er zwischen 2001 und 2018 im Vorstand als Sekretär die Vereinsaktivitäten. Als Vertreter des Rektors arbeitet er seit 1999 im Vorstand der Fördergesellschaft des Museums Zinkhütter Hof, seit 2003 als deren Vorsitzender. Seit Gründung des Aachener Kompetenzzentrums Wissenschaftsgeschichte im Jahr 2006 gehört er dessen Direktorium an.

In der nationalen Wissenschaftsorganisation ist Paul Thomes u.a. seit 1989 Mitglied der Gesellschaft für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte aktiv. Zwischen 1997 und 2017 war er Vorstandsmitglied, seit 2001 als Schatzmeister. Seit 1986 gehört er dem Institut für Banken- und Finanzgeschichte in Frankfurt/Main an. Er fungiert dort als Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats und Herausgeber der Zeitschrift „Bankhistorisches Archiv. Banking and Finance in History“. Ihren Auftritt und die Digitalisierung hat er initiiert und gefördert. Als Herausgeber ist er ebenfalls langjährig bei der Zeitschrift für Wirtschafts- und Sozialgeschichte „Scripta Mercaturae“ aktiv. Ebenfalls aktiv ist er im Bereich der Wissenschaftsförderung der Sparkassenfinanzgruppe e.V.

Eine angenehme Reminiszenz an die Alma Mater in Saarbrücken ist bis heute die Mitgliedschaft in der Kommission für Saarländische Landesgeschichte, die in die 1980er Jahre zurückreicht. Dazu kommen zahlreiche einfache Mitgliedschaften in nationalen und internationalen Organisationen der historisch basierten wissenschaftlichen Forschung, womit das keine Vollständigkeit beanspruchende Aufzählen abgeschlossen ist.

Wie eingangs formuliert, geht es hier nicht ums Schulterklopfen. Vielmehr geht es um die Demonstration der Fähigkeit, methodisch und thematisch Herausforderungen zu formulieren, anzunehmen und zu explizieren, so, wie es WISOTECH seit über zwei Jahrzehnten dezidiert und mit Erfolg – so viel Lob darf einmal sein – lebt.

Epilog – Rückblick und Ausblick

Was bleibt? Zumindest institutionell möglicherweise nicht viel, denn am Ende des 100. Jubiläumssemesters und im 150. Jahr der RWTH droht dem Lehr- und Forschungsgebiet Wirtschafts-, Sozial- und Technologiegeschichte die Liquidation. Die Fakultät setzt andere inhaltliche Schwerpunkte, um für die Zukunft der von Algorithmen gesteuerten Digitalität gerüstet zu sein. Eben jene Zukunft wird dann zeigen, ob es angemessen war, sich eines Teils seines Gedächtnisses zu entledigen. Klar, allzu oft lernen wir, dass wir aus der Geschichte nichts lernen. Warum dies so ist, liegt freilich auch auf der Hand. Zu oft basiert Handeln, ob in Wirtschaft oder Politik, auf anekdotischer Evidenz und menschlicher Eitelkeit: nett, denn ohne Erinnerung lässt sich das Rad immer wieder neu erfinden; fatal, wenn es darum geht, innovative Weichenstellungen zu treffen. Nachhaltiges Veränderungsmanagement braucht eine empirisch systematische Wissensbasis, die über punktuelle empirische Analyseansätze weit hinausgeht. Pfadabhängigkeiten, technologische Lock-Ins oder die Effekte bewährter bzw. neuer Technologien lassen sich nur durch begründete Argumente abschätzen bzw. überzeugend argumentieren und damit aufbrechen. Algorithmen wollen systematisch programmiert sein. Ja, im History Lab lässt es sich äußerst exakt arbeiten – und Hand in Hand mit den Living Labs. Das ist Geschichte als Dialog der Gegenwart mit der Vergangenheit über die Zukunft. Anders gewendet: Historisch basierte Forschung ist weit über die Konzepte einer „Public History“ hinaus anschlussfähig, anwendungsorientiert und nicht zuletzt vorwärtsgerichtet zu betreiben.

So gesehen sollte nach 150 Jahren Präsenz in Lehre und Forschung nicht Schluss sein, gerade an einer Exzellenzuniversität. Methodenvielfalt lautet das Gebot der Stunde. Schließlich geht es um nicht mehr und nicht weniger, als diese unsere Erde zu retten; und ob der Gewaltigkeit der Aufgabe gilt es, sämtliche zur Verfügung stehenden Forschungskonzepte zu instrumentalisieren. Seine Potenziale jedenfalls hat das Fach methodisch und thematisch in Forschung und Lehre unter Beweis gestellt.

Wie dem auch sei: Der tief empfundene Dank des Verfassers gilt allen konstruktiven Wegbegleitern, Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern sowie den Studierenden, unseren Kunden. Ohne sie wäre alles nichts.